Tierheim

[Studie] Hunde im Tierheim sollen einheitlich beurteilt werden

Heute geht es um die Studie “Behavioral evaluations of shelter dogs: Literature review, perspectives and follow-up within the European member state’s legislation with emphasis on the Belgian situation” von Haverbeke et al., die sich die Frage gestellt haben:

Wie ist es um die Verhaltensbeurteilung von Hunden im Tierheim  bestellt? Gibt es bereits ein einheitliches System und wie handhaben es die EU-Länder?

 

Was wurde begutachtet?

Für die Studie wurde die wissenschaftliche Literatur zu Verhaltenstests durchgesehen und nach Standardisierung, Verlässlichkeit und Aussagekraft untersucht.

Außerdem wurde eine Umfrage per Mail und Telefon gestartet, in der 27 EU-Mitgliedsstaaten zu ihren rechtlichen Rahmenbedingungen befragt wurden.

In den belgischen Tierheimen wurde zusätzlich noch eine Umfrage zu den dortigen Gewohnheiten durchgeführt.

Welche Tests eignen sich?

Es wurden in den letzten 25 Jahren einige Studien veröffentlicht, die ein System präsentiert haben, mit dem man das Verhalten von Tierheimhunden vergleichbar (!) einschätzen können soll. Laut den hier vorgenommenen Auswertungen ist davon nur eine Methode geeignet.

Der Test von Valsecchi et al., 2011 hat sich als durchführbar, zuverlässig und aussagekräftig erwiesen. Dabei wird nicht – wie bei anderen Testverfahren – nur eine Eigenschaft des Hundes (z.B. Aggression) untersucht, sondern verschiedene Aspekte wie Verspieltheit, Verhalten an der Leine, Sozialverhalten dem Menschen gegenüber, Verhalten im Zwinger oder Reaktivität. Hier braucht es nun weitere Studien, die eine größere Stichprobe heranziehen.

Was ist noch interessant?

Ich fand besonders interessant, dass so eine große Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Wirklichkeit in den Tierheimen herrscht.

In keinem der betrachteten 51 Tierheime in Belgien wurde das Verhalten der Hunde ganzheitlich betrachtet: Vor der Aufnahme, im Tierheim selbst und nach der Abgabe. Das wäre aber umso interessanter, um die Bedingungen nachhaltig zu verbessern und die Angaben über die Hunde genauer gestalten zu können, damit passende Hund-Halter-Gespanne gebildet werden können.
Gerade die Beobachtung in der gewohnten Umgebung vor der Abgabe kann wertvolle Hinweise über das Verhalten des Hundes geben.

Ressourcen im Tierheim sind knapp – trotz guten Willens

Zwar möchten die Tierheime eine reproduzierbare Möglichkeit der Verhaltensbeurteilung an die Hand bekommen, dazu wollen die allermeisten jedoch keine Zeit investieren. Das ist natürlich ein absolutes Paradoxon – ohne Schulung der Helfer können wir die Vermittlungsquoten nicht verbessern. Leider fehlen vielen Tierheimen die Zeit und das Geld, um ihre Mitarbeiter gut schulen zu können.

Bei der Befragung der Mitarbeiter der Tierheime zu ihren Qualifikationen kam die folgende Verteilung der Antworten raus:

  • 33 % haben sich ihr Wissen selbst beigebracht
  • 10 % haben Literatur gelesen
  • 6 % haben im Ausland eine Ausbildung gemacht
  • 2 % haben sich durch Weitergabe der gebräuchlichen Umgangsweisen Wissen angeeignet
  • 49 % haben nicht geantwortet und wussten nicht, woher ihr Wissen kommt

Grade die 49 % finde ich erschreckend: Es spricht nichts gegen das Selbststudium, wenn man gute Quellen heranzieht. Aber es wird doch der Eindruck erweckt, dass in den befragten belgischen Tierheimen ein großer Bedarf an Weiterbildung besteht!

 

Was kann im Tierheim getan werden?

Es gibt zudem viele Studien, die (völlig nachvollziehbar) den Einfluss von Beschäftigungsmaßnahmen für die Hunde aufzeigen: Regelmäßiger Kontakt zu Menschen reduziert den Stress der Tierheimhunde. Und auch Training ist sinnvoll: Schon kleine Trainingssequenzen von 10 Intervallen können genutzt werden, um Grundkommandos einzuüben wie “Sitz”, die dann nachweislich auch auf andere Situationen außerhalb des Tierheims übertragen werden können.
Auch das Üben des ruhigen Vorbeilaufens an anderen Hunden an der Leine kann sehr hilfreich für den Hund sein und seine Chancen auf eine Adoption erhöhen.

 

Fazit: Der Gesetzgeber ist gefragt

Es ist unbedingt notwendig, dass auf wissenschaftlicher Ebene sowie auf nationalem und EU-Level Maßnahmen überlegt werden, wie eine vergleichbare und fundierte Beurteilung des Verhaltens von Tierheimhunden möglich werden kann.

Außerdem sollte die Lücke zwischen Realität und wissenschaftlichen Ergebnissen geschlossen werden: Mehr Mitarbeiter in den Tierheimen, die besser geschult sind, würden erheblich zu einer besseren Beurteilung und Vermittlung der Tiere beitragen.

 


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